Orkrakel und Peak Ice

Wenn der Blubber nicht mit der pannonischen Eisschmelze fertig wird – vielleicht dann das Orkrakel?

Die vom elkement in vielen Jahren liebevoll herangezüchtete Orakelkrake hat endlich ihren großen Einsatz: Wie hat der Verlauf des Eisvolumens mit der Zeit in diesem Winter mutmaßlich ausgesehen?

Die Orakelkrake ist genügsam: Sie ernährt sich primär von Messdaten für Außentemperatur und Strahlung. Füttert man ihr zusätzlich noch so genannte Systemparameter – wie die Heizkurve der Siedlerhütte – dann antwortet sie mit einer Simulation.

Die Sicht des Blubbers:

Die Sicht des Orkrakels:

2016-09 - 2017-03: Temperaturen und Eisvolumen - Simulation

Die Temperaturen im Diagramm sind tägliche Mittelwerte; das Eisvolumen jeweils der Wert am Ende des Tages. Simuliert wird aber in Minutenabständen. Die Temperaturen in allen Tanks und das Eisvolumen wird bestimmt dadurch, wieviel Energie die einzelnen Komponenten verbrauchen oder liefern: Die Wärmepumpe versorgt abwechselnd Puffertank und Hygienespeicher; die Heizkreise entziehen dem Puffer Wärme.

Die aktuelle Heizlast in Abhängigkeit von der Außentemperatur wurde aus den Messungen des monatlichen Energieverbrauchs ermittelt und linear angenähert (bis zur Heizgrenztemperatur). Der COP der Wärmepumpe wird nach den Datenblättern des Herstellers aus Soleeintrittstemperatur und der Vorlauftemperatur berechnet.

Wesentlich ist die Serienschaltung der drei Komponenten im Solekreis: Vedampfer der Wärmepumpe, Kollektor und der Wärmetauscher im Tank. Hier werden die Temperaturen an den Ein- und Austrittspunkten selbstkonsistent ‚im gleichen Moment‘ berechnet – aus Luft- und Tanktemperatur und der aktuellen Entzugsleistung.

Die Logik der Regelung(en) UVR1611 bzw. UVR16x2 und die ‚virtuellen Dreiwegeventile‘ für die Wärmepumpe und den Kollektor werden möglichst realistisch abgebildet: Warmwasserbereitung hat Priorität; der Kollektor wird zugeschaltet, wenn die Lufttemperatur ausreichend über der Soletemperatur liegt.

Der Wärmestrom aus dem / in den Boden wird aus dem Verlauf der Temperatur bis in 10m Tiefe ermittelt, durch Lösung der Wärmeleitungsgleichung. Die Temperatur in der Tiefe ist hier die vorgegebene Randbedingung.

Unter diesen Annahmen liefert das Orkrakel solide Ergebnisse, die der Realität sehr nahe kommen. Peak Ice wird aber um ca. 0,7m3 überschätzt, da die Soleeintrittstemperatur eher überschätzt wird. Das Orkrakel hat nämlich darauf verzichtet, den Wärmetransport im wachsenden Eis zu simulieren oder die Konvektion im Tank (‚4°C-See‘ aufgrund der Dichteanomalie des Wassers). Der Eisspeicher hat in der Simulation immer genau 0°C sobald etwas Eis gebildet wurde. Die Orakelkrake fühlt sich mit diesem gewagten Hüftschuss als Clint Eastwood der Eisspeicher-Simulation. Aber seriösere wissenschaftliche Publikationen zeigen, dass der Wärmetransport zum Eisspeicher-Wärmetauscher nicht wesentlich durch die wachsende Eisschicht beeinträchtigt wird (S.5 dieses Berichts, ‚Ice on Coil‘); somit sollte die Energiebilanz für den Tank halbwegs verlässlich sein.

Die Bedürfnispyramide des Eisspeichers

Die Datenkrake hat eine ältere Schwester, der bisher noch nicht gefeatured wurde in unseren Internet-Postillen. Bevor die Siedler sich daran wagten, ihren Erdkeller in einen Eisspeicher umzufunktionieren, haben sie eine Orakelkrake gezüchtet – das Orkrakel: eine Simulation des zukünftigen Wärmepumpensystems. Das Orkrakel mutierte mehrfach: Heute ernährt es sich von realen Wetterdaten, ahmt die schlaue Regelung und die dumme Wärmepumpe nach, löst die Wärmeleitungsgleichung für den Boden und führt penibel – in 1-Minuten-Schritten – Buch über den Energieinhalt aller Tanks .

Als echter Geek und Theoretiker kann sich das Elkement hier in Details verlieren. Bei jeder Änderung der Eingangsparameter steigt der Adrenalinspiegel: Wie hoch wird Peak Ice sein? Reicht die Größe des geplanten Tanks aus?

Besonders spannend ist die ‚Sensitivitätsanalyse‘: Worauf reagiert die Orakelkrake besonders heftig? Ihr Energiestoffwechsel scheint tatsächlich filigran zu sein: Kaum dreht man ‚ein bisschen‘ an der Schraube der thermischen Eigenschaften des Bodens oder an der Kollektor-‚Stärke‘ wächst das Eis scheinbar unverhältnismäßig. Wie immer ist es gut, dann einen Schritt zurückzutreten: Tatsächlich lässt sich dies mit Volksschulmathematik auch schon zeigen, ganz ohne Differenzialgleichungen.

Der Beitrag von Kollektor und Boden hängt allerdings u.a. ab von der Steuerungslogik, der Hydraulik, der Form des Tanks und den Wärmeübertragungseigenschaften von Kollektors und Boden. Was man daher wissen muss für den Buchhalter-Ansatz, ist die mittlere Energieausbeute des Kollektors und des Bodens – aus Simulationen oder durch belastbares Zahlenmaterial aus Messungen.

Wie die Siedler nicht müde werden zu betonen, liefert der Kollektor den Löwenanteil der Entzugsenergie der Wärmepumpe – auch in den Eismonaten Dez/Jan/Feb. Der Rest kommt aus dem Boden oder wird dem gefrierenden Wasser im Tank entzogen.

Dann lässt sich so ein Bildchen zeichnen:

Eisspeiche: Bedürfnispyramide - Umweltenergie in den Eismonaten

(Geistreiche Analogien zur Psychologie bitte hier einsetzen)

Am Beispiel einiger typischer Zahlen lässt sich das Eiswachstum illustrieren:

  • Ein quaderförmiger Tank fasst 23 m3
  • Benötigte Umweltenergie für Dez/Jan/Feb: ~7000kWh
    (Das entspricht ca. 9330kWh Heizenergie bei einer Arbeitszahl von 4)
  • ‚Standard‘ Szenario: Der Kollektor liefert 75% der Umweltenergie, die Erde ca. 18%.
  • Schlechtere‘ Szenarien: Kollektorenergie oder Erdenergie oder beide werden um 25% gegenüber dem Standardwert verringert.

Die drei Quellen – Luft/Sonne, Boden und Eis – müssen zusammen die Umweltenergie bereitstellen:

Beiträge zur Umweltenergie in den Eismonaten - Szenarien

Die Energie, die im Eis steckt ist nur der Lückenfüller: Je schlechter Boden und Kollektor ‚performen‘ umso mehr Wasser muss gefroren werden. Liefert der Kollektor ’nur ein bisschen‘ weniger Energie als ’normal‘, ist dieses bisschen von z.B. wenigen 100 kWh nicht vernächlassigbar gegenüber dem Energieinhalt des Eisspeichers.

Das Eis ist nur die Spitze des Energieeisberges!

… in diesem Luft-Erd-Eis-Wärmepumpensystem.

Wärmepumpe einmal anders

Die Siedler arbeiten mit recht schlichten Sole-Wasser-Wärmepumpen. In der in diesem Blog dokumentierten Siedlerforschung wird deren Innenleben in der Berichterstattung sträflich vernachlässigt und als Black Box betrachtet. Doch wenn die Abende im Herbst länger werden, dann beginnen sie so manche Internet-Recherche, um grundsätzliche Fragen zu beantworten.

Könnte man eine Wärmepumpe nicht komplett anders bauen?

Und tatsächlich findet man eine verwegene Truppe aus dem Land der Siedler, die genau das gemacht hat: Die so genannte Rotationswärmepumpe verwendet keinen ‚klassischen‘ Kompressor und hier wird auch nicht verflüssigt und verdampft.

Der Druckunterschied wird durch die Zentrifugalkraft der gemeinsamen Rotation der beiden Wärmetauscher auf der Quellen (Niederdruck)- und der Heizungs- (Hochdruck) Seite erzeugt! Der Niederdruckwärmetauscher befindet sich näher an der Achse. Quelle und Senke werden durch die Achse angekoppelt. Die Rotationsgeschwindigkeit beträgt bis zu 1800 Umdrehungen pro Minute.

Das Kältemittel – ein Gemisch aus Edelgasen – wird mit einem Ventilator im Kreis gepumpt und entsprechend einem ‚umgekehrten‘ Joule-Prozess genutzt: Gas wird komprimiert, dadurch erhitzt und dann bei konstantem Druck abgekühlt – hier wird Heizenergie frei. Im nächsten Schritt expandiert das Gas und wird dann bei konstantem (niedrigerem) Druck erhitzt – hier wird der Quelle Energie entzogen.

In der Lehrbuchversion dieses Prozesses sitzt eine (durch Expansion angetriebene) Turbine auf der gleichen Welle wie der Kompressor: Die Kompressionsarbeit ist in der gleichen Größenordnung wie die an der Turbine frei werdende Energie und beide Energien sind relativ hoch im Vergleich zur Differenz – der Nettoantriebsenergie.

Im Gegensatz dazu verwendet man in einer Heizungswärmepumpe zur Expansion des Gases keine Miniturbine, sondern ein Expansionsventil: Hier würde sich die Energierückgewinnung nicht auszahlen. Im Joule-Prozess ist sie unbedingt erforderlich.

Das erklärt, warum die Effizienz des Kompressionsprozesses in der Rotationswärmepumpe sehr hoch sein muss im Vergleich zu den Anforderungen an 0815-Scrollkompressoren in Heizungswärmepumpen: Wenn die Differenz zwischen Kompressionsleistung und Expansionsleistung im Idealfall 100kW beträgt und die Effizienz des Kompressionsprozesses von 100% auf 80% sinkt, ändert sich die Leistungszahl drastisch –  siehe das Zahlenbeispiel auf S. 10 in dieser Veröffentlichung: Im Idealfall werden 100kW benötigt, um die Differenz zwischen 1200kW gewonnener Expansionsleistung und 1300kW absoluter Kompressionsleistung abzudecken. Bei einer Effizienz der Kompression von 80% müssen bei gleich bleibender Expansionsleistung für die Kompression ~1600kW aufgebraucht werden. Die Nettoleistung beträgt dann 500kW – das Fünffache im Vergleich zum perfekten Prozess. Der COP sinkt von 10 auf 2,3.

Diese Anforderungen an die Effizienz erklären wahrscheinlich, warum Rotationswärmepumpen ‚groß gebaut‘ werden und einmal für den industriellen Einsatz gedacht sind. Ein weiterer Vorteil des Prozesses ohne Phasenübergang ist, dass man sich sozusagen ein beliebiges Plätzchen im Zustandsdiagramm aussuchen kann: Die Wärmepumpe kann damit flexibel zwischen sehr unterschiedlichen – und auch Siedlerhütten-untypischen – Temperaturen betreiben werden.

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Den wahnsinnig kreativen Titel zu diesem Posting haben wir uns tatsächlich selbst ausgedacht – wobei wir gerne auf dieses unabsichtliche Plagiat hinweisen.

Von Temperaturwellen und ihrer nicht bewiesenen Wirkung auf Murmeltiere

Irgendwer wollte uns im letzten Posting davon überzeugen, dass sein Eisspeicher ein besseres Orakel sei als ein Murmeltier.

Das elkement als Wissenschaftsoffizier fühlt sich herausgefordert – vor allem, da die wellenartige Änderung der Bodentemperatur eine Erinnerung weckt: Temperaturwellen – das kennen wir doch von irgendwo!

Temperaturwellen werden in jeder Einführung zu Wärmepumpen und oberflächennaher Geothermie gezeigt: In den ersten 10 Metern unter der Erdoberfläche schwingt die Temperatur im Lauf des Jahres hin und her – diese Schwingung klingt mit der Tiefe ab. Dann ist die Temperatur für einige Meter konstant und schließlich steigt sie in größerer Tiefe um ca. 3°C pro 100m an:

temperaturwelle-tiefe

Theoretische Berechnung des Temperaturverlaufs, nach einem einfachen Wärmeleitungsmodell. Für Details zur Rechnung siehe die zweite Hälfte dieses Postings.

Die Temperaturwelle ergibt sich aus der Annahme, dass:

  1. … die Temperatur an der Erdoberfläche sinuswellenartig im Jahresverlauf zwischen einem minimalen und einem maximalen Wert schwankt.
  2. … zusätzlich ein – kleiner – ‚geothermischer Strom‘ aus dem Erdinneren an die Oberfläche fließt.
Geothermischer Wärmestrom - Earth heat flow

Geothermischer Wärmestrom in mW/m2, an der Erdoberfläche. (Wikimedia user Bkilli1) Der Mittelwert auf Kontinenten ist ca 65mW/m2 – was einer Änderung der Temperatur von 3°C pro 100 m entspricht.

Dieser Wärmestrom stammt teils von radioaktiven Zerfallsprozessen im Erdinneren und  teils von jener Energie, die bei der Bildung der Erde aus Staubwolken und kleineren Himmelskörpern frei wurde. Die Erde kühlt durch diesen Strom aber aufgrund ihrer enormen Masse um weniger als ein Millionstel Grad pro Jahr aus.

temperaturwelle-oberflaeche

Berechnete Temperatur im Erdboden, zu verschiedenen Zeiten des Jahres -Das Maximum oder Minimum in einer bestimmten Tiefe entsteht durch den langsamen, verzögerten Transport der Energie, die an Erdoberfläche absorbiert wurde.

In den ersten 10 Metern Tiefe schwankt die Temperatur um den Wert von 10°C – was auch dem Mittelwert an der Erdoberfläche entspricht bzw. entsprechen muss! Die so genannte oberflächennahe Geothermie nutzt saisonal zwischengespeicherte Sonnenenergie. Der geothermische Strom von 0,065W/m2  ist klein gegen die mittlere Leistung der Sonneneinstrahlung pro Fläche: ca. 144W/m2 bei 1000kWh Globalstrahlungssumme pro Jahr.

Irgendwer berief sich in seinem Orakel-Posting aber nicht auf die Schwingung mit der Tiefe, sondern die langsame zeitliche Änderung der Temperatur in einer bestimmten Tiefe. Nach dem einfachen Modell sieht das in etwa so aus:

temperaturwelle-zeitlich

Temperatur in unterschiedlichen Tiefen in der Erde in Abhängigkeit von der Zeit nach dem gleichen theoretischen Modell wie die vorigen Grafiken. Die jahreszeitlichen Schwankungen werden mit größerer Tiefe schwächer, weil die örtliche Welle abklingt.

Die Siedler-Datenkrake wird regelmäßig mit dem Temperaturwerten im (vom Eisspeicher) ungestörten Boden in 0,3m und in 1m Tiefe gefüttert. Die beiden Wellen sind ca. 10-15 Tage zeitverschoben:

temperaturwelle-boden-messung

Gemessene Temperatur in verschiedenen Tiefen (Logging durch UVR1611 / CMI). Die senkrechten, strichlierten Linien deuten die ungefähre Verzögerung der Temperaturwelle in größerer Tiefe an. Der absolute Wert der Temperaturen in 1m Tiefe ist etwas höher als in der berechneten Kurve für ein ‚typisches‘ Jahr oben.

Vor der Automatisierung wurden Messungen der Erdtemperatur zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen manuell durchgeführt. Die Verzögerung zwischen den Punkten in 1m Tiefe und 1,88m liegt in einer ähnlichen Größenordnung:

temperaturwelle-boden-manuell

Manuell gemessene Temperaturen im unbelasteten Boden in unterschiedlichen Tiefen. Der Abstand der strichlierten Linien entspricht ca. 15 Tagen.

Das theoretische Modell benötigt folgende Eingangsparameter:

  • Maximale und minimale Temperatur an der Erdoberfläche: Damit können die zeitlichen Wellen vertikal verschoben und an das lokale Klima angepasst werden.
  • Thermische Eigenschaften des Bodens: Diese – alleine – bestimmen die Zeitverschiebung in unterschiedlichen Tiefen.

Alle Wellen arbeiten sich mit der gleichen Geschwindigkeit im Boden vor: Die Geschwindigkeit ist gleich der Wellenlänge durch die Periodendauer von einem Jahr. Wie man an den ersten Diagrammen sieht, ist die Welle stark gedämpft, d.h. die Wellenlänge ist deutlich länger als die Abklinglänge.

Beide Längen hängen nur von der thermischen Diffusivität ab, die aus drei Eigenschaften berechnet wird. Für die theoretisch berechneten Diagramme wurden folgende Werte verwendet, die sich auch in anderen elkementaren Simulationen zu LEO_2 bewährt haben:

  • Wärmeleitfähigkeit κ = 0,0019 kW/mK
  • Dichte ρ = 2000 kg/m3
  • Spezifische Wärme cp = 1,3 kJ/kgK

Die Diffusivität D ist \frac{\kappa }{\varrho \, c_{p} } und damit 0,0026 m2/h, die Wellenlänge gleich \lambda = \sqrt{4\pi D\tau } = 17m. Die Abklinglänge ist immer um einen Faktor 2π kleiner.

Für 70cm Tiefenunterschied ist die erwartete Verzögerung:

Zeitverschiebung = 8760h * 0,7m / 17m = 360 h = 15 Tage

… was größenordnungsmäßig übereinstimmt mit der in den Messungen sichtbaren Verzögerungen. D.h. die in diesem Artikel präsentierte Methode ist eine Art Orakel zur Bestimmung der thermischen Diffusivität des Erdbodens.

Diverse Legenden zu den Murmeltieren lassen sich möglicherweise auch mit den sich ständig ändernden Temperaturkurven in Zusammenhang bringen. Lernen wir doch, dass die pelzigen Nager diverse Arten von Bauen in unterschiedlichen Tiefen zu unterschiedlichen Zeiten nutzen: ‚Kühle‘ Sommerbaue nahe der Oberfläche, tiefer liegende Nestkammern – und dann noch Höhlen, die ganzjährig zum Absetzen von Exkrementen genutzt werden.

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Wer’s genauer wissen will (die Physik, nicht die Zoologie) und mehr Formeln sehen will:
Siehe einen längeren Artikel dazu auf elkemental Force.

Quelle zur Differenzialgleichung und der Lösung für die Temperaturwellen:
Thermodynamik und Statistik von Wilhelm Macke.

Kanadisches Siedler-Feeling?

Eben dieses wurde von Irgendwem kürzlich heraufbeschworen. Aber wie kanadisch ist unser pannonisches Siedler-Feeling wirklich – statistisch gesehen?

In der kanadischen Prärie steigt die Temperatur zwischen Mitte November und Mitte März selten über 0°C. Dagegen war die Ausbeute von 5 Eistagen in Wien zwischen Jänner und März 2014 eher bescheiden.

Two men sit outside of a sod house with log framing. In front of them is a large pile of buffalo skulls and bones

Ein typisches Kanadisches Siederhaus aus Grasnaben-Ziegeln (Sod house). Das Ergebnis eines Nachbaus einer solchen Siedlerhütte 2005: „If it rained two days outside, it rained one day inside“.

Wir blättern in den Annalen unserer Wetterfrösche, auf der Suche nach dem kanadischsten Winter am Standort der Siedler: Zwischen 20. Dezember 1996 und 20. Jänner 1997 hätte der größte Eiswürfel Pannoniens erzeugt werden können. Der Kollektor wäre nur wenig zum Einsatz gekommen.

Eismonat 1997, mittlere und maximale Außentemperaturen

Die Siedler benötigen an kanadischen Tagen ca. 130 kWh Heizenergie (inklusive Warmwasser); bei einer Arbeitszahl von 4 werden dem Tank ca. 100 kWh entzogen. Damit kann der Eisspeicher 20 Tage überbrücken. Die elektrische Zusatzheizung hätte eventuell den einen oder anderen Tag kurz einspringen müssen.

Den Antirekord stellt der eher kanarische Winter 2006/2007 dar:

Warmer Winter 2007, Außentemperaturen

In dieser Saison wäre kein Eis produziert worden und der Kollektor hätte eher ähnlich dem Außengerät einer Luftwärmepumpe gearbeitet.

Der Tank wäre in 20 Jahren insgesamt zwei Mal an sein Limit gestoßen. Rechtfertigt das den Bau eines größeren Eisspeichers – oder gönnen wir unserem pannonischen Energieversorger den zusätzlichen Umsatz durch eine rein elektrische Zusatzheizung?

  • Der Jahresenergieverbrauch der Siedler ist – konservativ geschätzt: 20.000 kWh
  • Um diese Energie zu erzeugen, benötigt die Wärmepumpe bei einer Arbeitszahl von 4 eine elektrische Energie von 5.000 kWh.
  • Einige zusätzliche Heizstab-Tage bei kanadischer Heizleistung würden in etwa zusätzliche 500 kWh brauchen.
  • D.h. einmal in 10 Jahren würde der Bedarf an elektrischer Energie um 10% größer sein; das ergibt im Durchschnitt eine Erhöhung des elektrischen Energieverbrauchs von (max.) 1%.

Und die Rolle des landestypischen Siedlerofens ist noch nicht einmal berücksichtigt.

Die Deutschen Wetterfrösche sind großzügiger mit ihren historischen Daten – damit können wir bestätigen, dass ein kanadischer Eismonat in unseren Breiten in etwa alle 10 Jahre auftritt.

Blättern wir allerdings in den Wetterannalen bis zur Saison 1962/63, finden wir einen wahrhaft kanadischen Winter auch in der pannonischen Tiefebene:

Für Mittel- und Westeuropa bemerkenswert ist seine ungewöhnlich lange Frostdauer, die sich im Bereich eines 250-jährigen Ereignisses bewegt.

Herausragend ist aber, dass gebietsweise auch in tiefen Lagen bis zu 120 Eistage in Folge lagen. Damit ist der Winter die größte Kälteperiode seit 1739/40 gewesen

In Kanada und Grönland herrschte dagegen in diesem 250-jährigen Ausnahmewinter pannonische Milde:

GHCN GISS HR2SST 1200km Anom1203 1963 1963 1949 1978

Die Siedler hätten weitere 60 Tage rein elektrisch (1:1) heizen müssen und 7.800 kWh verbraucht – um 5.850 kWh mehr, jener 3/4-Anteil, der sonst von ‚der Umwelt‘ zur Verfügung gestellt worden wäre.

Jeder Betrachtungszeitraum länger als die Lebensdauer eines Siedlers oder seiner Hütte ist eine etwas zweifelhafte Zahlenspielerei – entweder man hat ihn erlebt, den Ausnahmewinter, oder nicht. Aber sei’s drum: In 250 Jahren würden für die Wärmepumpenheizung 1.250.000 kWh elektrische Energie verbraucht – die zusätzlichen 5.850 kWh fallen mit weniger als 0,5% dann auch nicht mehr ins Gewicht …

„Seltsame Wärmequellen“

… wurden auf diesem Blog tatsächlich schon gesucht! Irgendwer hatte Google wahrscheinlich mit seinen Reportagen über Seltsame Dinge in die Irre geführt. Nun wollen wir aber unseren Suchern auch bezüglich seltsamer Wärmequellen optimalen Service und punktwissen bieten, auch motiviert durch Anfragen besonders mutiger und innovativer Siedler aus einem fernen Königreich.

Hier einige Anregungen, die teilweise noch darauf warten, auf die Skala einer typischen Siedlerhütte heruntergebrochen zu werden.

Für alle Besitzer eines Berges, von unterirdischer Stollen oder feuchten Geheimgängen:

Wasser aus dem Brennerbasistunnel:

Es ist beabsichtigt, das im österreichischen Abschnitt des Brennerbasistunnels anfallende Bergwasser am Ausgang der Sillschlucht aus dem Tunnel auszuleiten und mittels Wärmepumpen für die Beheizung bzw. Kühlung von Wohn- und Geschäftsgebäuden thermisch zu nutzen. Nach heutigem Wissenstand geht man von einer Bergwassermenge von 200-300 l/s mit einer Temperatur von ca. 22°C aus. Aus diesem Drainagewasser ließe sich theoretisch eine Leistung von ca. 10 Megawatt erzielen.

(APA-Presseaussendung Projekt Sinfonia, 24.09.2014. Einen Cross-Check der Zahlen findet man auf dem elkementaren Blog) BBT 18 4 2011Die Schweizer sind eindeutig Pioniere der innovativen Nutzung von Seen – für die großzügig geplante oder „corporate“ Siedlerhütte:

1) St.-Moritzer-See:

Gerade mal vier Grad warm ist das Wasser am Grund des St.-Moritzer-Sees im Winter – doch es liefert fast ge­nügend Energie, um die Räume des Badrutt’s Palace Hotels, eines Schulhau­ses und zweier Mehrfamilienhäuser zu be­heizen. Die Wär­me­pumpe, die das ermöglicht, wurde vor zwei Jah­ren in Betrieb genommen. Indem sie Seewasser von vier auf ein Grad Celsius abkühlt, erzeugt sie Heizwasser von 70 Grad.

(Beobachter 3/2009, Schweizer Konsumentenzeitschrift, 04.02.2009) Badrutt's Palace2) Zürichsee:

In knapp 20 Meter Tiefe rund 500 Meter vom Ufer entfernt, wo wir heute das Wasser für die Energiegewinnung von Swiss Re Next fassen, herrscht im Zürichsee im Sommer und Winter eine Wassertemperatur von durchschnittlich 10 bis 15 Grad Celsius. Damit eignet sich dieses besonders gut für den Einsatz von Wärmepumpen.

(Swiss Re, Online Dokumentation über die Entstehung des neuen Gebäudes Swiss Re Next am Mythenquai, Zürich. 13.08.2014) Swiss Re corporate headquarters at Mythenquai in Zurich (2009)Steuerungs-Freaks – die zufällig auch einen porösen unterirdischen Wasserspeicher Ihr Eigen nennen – finden hier einige Ideen:

Aquifer am Flughafen von Oslo:

In the summer, ground water is pumped from cold wells and used for cooling before it is returned to the warm wells. In winter, this process is turned around as ground water from the warm wells is used as heat source for a heat pump before it is drained to the cold wells. The design cooling demand is 9 MW. The district cooling water is pre-cooled by the ground water with a cooling capacity of 3 MW, and post cooled by the combined heat pump/refrigeration plant with a cooling capacity of 6 MW.

(Paper aus einem Forschungsprojekt. 2011, Website der Forschungseinrichtung SINTEF)

Folgendes ist keine natürliche Wärmequelle, vielleicht aber die Initialzündung für ein  forderndes Hobbyprojekt – Zielgruppe: ambitionierte Spengler / Metallkünstler mit Hydraulikkenntnissen:

Metall-Dachziegel – optisch den klassischen Gegenstücken nachgebildet. Dieser Edel-Kollektor stellt die einzige Wärmequelle dar.

Die Anlage der Kurklinik [Eden] ist auf 50 kW dimensioniert und benötigt rund 100 m2 aktive Ziegelfläche auf dem Schrägdach, um das Heizsystem des 1000 m2 Nutzfläche umfassenden Gebäudes mit Wärme zu versorgen. Neben der Raumheizung deckt das Atmova-System auch den gesamten täglichen Bedarf an Warmwasser für das Klinikgebäude und das neu erstellte Schwimmbad.

(HK-Gebäudetechnik 10/12, Website des Herstellers ATMOVA)

Abschließend kehren wir wieder zurück zur unterirdischen Höhlenwelt – hier gehen uns langsam die Ideen aus. Für den Millionär mit Privat-U-Bahn?

Wände und Bodenplatten von U-Bahnschächten:

Die Massivabsorbertechnologie nutzt Erdwärme für die Beheizung bzw. Klimatisierung von Bauwerken. Dabei werden in ohnehin erforderliche Betonbauteile wie Schlitzwände, Bohrpfähle, Bodenplatten oder Tunnel Absorberrohre eingebaut, welche mit einem Wärmeträger durchströmt werden und daher große Flächen thermisch aktivieren können. Bei der Verlängerung der U-Bahnlinie U2 in Wien wurde diese Technologie weltweit erstmals beim U-Bahnbau eingesetzt.

(Österr. Ingenieur- und Architekten-Zeitschrift, Website der TU Wien. 2010) U2 Schottenring July 2008

Von der gar schauderhaften Geschichte der Elemente und ihren tollkühnen Bezwingern

Die Siedler sind immer auf der Suche nach Inspiration durch Tüftler vergangener Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte.

Da die Beherrschung der vier bis fünf Elemente Erde, Feuer, Luft, Wasser und Eis eine wesentliche Rolle spielt, lag es nahe, eine autoritative Schrift zu konsultieren:

Physik
Eine gemeinverständliche Darstellung
der
physikalischen Erscheinungen
in Ihren Beziehungen
zum praktischen Leben
von
Dr. Alfred Ritter von Urbanitzky

A. Hartleben’s Verlag
1892

Physik, Urbanitzky, 1892

Wo wird das dramatische Wechselspiel der Elemente Feuer und Luft deutlicher als in den erfinderischen Luftfahrzeugen des 19. Jahrhunderts – wie jene der Gebrüder Tissandier?

Ballon der Gebrüder Tissandier

Der Ballon bestand aus gut gefirnißtem Perkal und faßte 1060 Kubikmeter Gas. … Außer dem Anker und dem Ballaste trug die Gondel auch noch einen Siemens’schen Motor, der mit Rücksicht auf seine Bestimmung möglichst leicht construiert war, und eine Chromsäuerebatterie zum Betrieb desselben.

Bei der ersten Fahrt dieses mit Wasserstoffgas gefüllten Ballons suchten die beiden Tissandier sich stets in geringer Höhe (400 bis 500 Meter) über der Erde zu halten, wo an dem betreffenden Tage eine Windgeschwindigkeit von drei Meter herrschte. Indem Sie durch den Elektromotor die Flügelschraube in Bewegung setzten, gelang es ihnen hierbei, dem Winde Stand zu halten, d.h. ein Forttreiben durch den Wind hintanzuhalten.
(S. 298)

Aber die Pioniere der Lüfte wurden nicht nur durch friedliche Motive angetrieben:

Weitaus die größte Anwendung fand der Luftballon, wie allgemein bekannt, während der Belagerung von Paris im deutsch-französischen Kriege 1870-1871. Mit Hilfe des Ballons und der Taubenpost gelang es den Parisern, den Briefwechsel nach außen aufrecht zu erhalten, was jedenfalls einen großen moralischen Erfolg erzielte und dadurch den Widerstand der Belagerten verstärkte.

Weniger erfolgreich waren die Ballons zu Recognoscirungszwecken:

Die Loire-Armee erhielt einen Ballon welcher in Orléans mit Leuchtgas gefüllt und dann an vier Tauen von 150 Mann etwa 10 Kilometer weit nach Saran bei Cercottes hinter die Front der Armee geführt wurde.
(S.302)

Aufklärungsballon nach Tissandier, Geschichte meiner LuftfahrtenSo wie heute geometrische Abmessungen in populärwissenschaftlichen Postillen verdeutlicht werden durch Badewannen oder Fußballfelder, wurden Höhen damals gemessen in Ballonfahrtrekorden oder in …

… der Höhe in welcher Glaisher das Bewustsein verlor
(5. Sept. 1862) – 8838m

Hoehen im VergleichAber noch fehlt die Demonstration der Wissenschaftspoesie on Dr. Ritter von Urbanitzky in ihrer erhebendsten Form. Dies ist auch gleichzeitig jenes Kapitel, in dem es um das Wechselspiel der Elemente Luft, Feuer und Wasser geht – und eventuell auch Eis, wenn man die soeben dokumentierten Eiswolken dazu nimmt.

Notwendige Physik-Vorkenntnisse, um sich im Folgenden nur auf den literarischen Wert konzentrieren zu können: Wie entsteht eine Fata Morgana?

Man kann diese Erscheinungen nämlich …

… z.B. in Aegypten und Ungarn häufig beobachten.

Also hoffen wir natürlich in Pannonien auf dramatische Effekte!

Auch über dem Meere können zuweilen durch eine eigenthümliche Wärmevertheilung so abnorme Dichteverhältnisse in den unteren Luftschichten entstehen, daß vermöge der Luftspiegelung doppelt oder mehrfache Bilder von Schiffen, in der Luft schwebend wahrgenommen werden, und zwar zu einer Zeit wo jene Fahrzeuge des Wassers so sehr entfernt sind, daß sie selbst wegen der Krümmung der Erde noch lange nicht gesehen werden können.
(S. 473/474)

Spiegelung (Totalreflexion) an dichteren Luftschichten

Die alten Sagen von Gespensterschiffen, vom „fliegenden Holländer“, sowie die prophetische Voranzeige von noch nicht in Sicht befindlichen Schiffen durch den früher so sehr bewunderten Leuchtturmhüter auf Isle de France u. dergl. m. finden hierdurch ihre Erklärung.

(S.474)

Und wie phantasiebegabt mussten die Leser damals gewesen sein, um ohne 3D-Animation und HD in folgendem Bild …

Ballon und Schiff im … diese Phänomene zu erkennen:

Als Tissandier im August 1868 von Calais in seinem Ballon aufstieg, sah er unter sich das Meer; die Scene war durch zahlreiche Wolken und Wölkchen begrenzt, die anscheinend auf ebener Fläche zogen, von der einen Seite des Horizontes aufsteigend und sich auf der anderen zerstreuend. Oberhalb der Ballons schwebten in das Violette spielende Massen, welche theils langsam weiter zogen, theils stille zu stehen schienen. Als nun Tissandier den Strand von Dover suchte, der ja nahe genug sein musste, fand er denselben durch einen Vorhang bleifarbener Dünste verhüllt. Die ganze nordwestliche Seite des Horizontes lag als dämmergraues Chaos dar. Ueber sich aber gewahrte er eine weit gedehnte grünliche Dunstschichte – eine Art See in den Wolken.
(S.475)

Jetzt wissen wir, woher die Macher von Pirates of the Carribbean ihre Ideen hatten:

Bald darauf sah er einen kleinen Punkt sich auf dieser Fläche bewegen, und erkannte in demselben dann ein Schiff, so groß wie eine Nußschale, welches umgekehrt auf diesem umgekehrten Meere dahinzog, die Masten wiesen nach unten, der Kiel war nach oben gerichtet. Kurze Zeit später wurde das Spiegelbild des Postdampfers, welcher von Calais nach England steuerte, wahrgenommen, von welchem mit dem Fernrohre selbst der dem Kamine entströmende Rauch zu erkennen war.

Licht aus! Die Märchenstunde für heute ist vorbei!

The Flying Dutchman by Charles Temple Dix