„Tote bringen das Social Web an seine Grenzen“ [*]

Nach all den überschwenglichen Feiertags- und Glückwunschpostings: Zurück zu den dunklen Wirklichkeiten des Lebens.

Da das Siedlerblog hauptsächlich Deutsche und Schweizer Leser hat, müssen wir mit Hintergrundinformationen zum kulturellen Kontext beginnen. Die Siedler leben im Umland der großen Stadt, deren Bewohner ein spezielles Verhältnis zum Morbiden haben:

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, heißt es in einem Lied von Georg Kreisler. Das besondere Verhältnis der Wiener zum Sterben spiegelt sich an vielen Orten in der Stadt wider.
(aus: Metropole des Morbiden / Süddeutsche Zeitung)

Wenn die weissen Barockfassaden am Ring prunken und die filigranen Türme des Stephansdoms in einen blauen Himmel ragen, dann ist Wien elegant, lebensfroh und bis ins Kitschige schön. Wenn aber der Hochnebel sich wie eine Grabesdecke über die Stadt senkt und nur noch das Hundertwasser-Haus ein paar Farbtupfer setzt, wenn jeder Fiaker übers Pflaster klappert wie ein Leichenwagen und man in den Kirchen am liebsten Mozarts »Requiem« aufführt, dann wird es auch für Besucher Zeit, sich Wiens dunklen Seiten zuzuwenden – besonders dem Tod und dem innigen Verhältnis, welches viele Wiener zu ihm unterhalten.
(aus: Wien morbid / Neue Zürcher Zeitung)

punktwissen nimmt sich ebenfalls dieses Themas an – hier einige weiterführende, nicht ganz so morbide und unterhaltsame Informationen zu den punktwissen-IT-Leistungen.

Star-Trek-Grab am Wiener Zentralfriedhof

Star-Trek-Grab am Wiener Zentralfriedhof (Wikimedia, Benutzer Popmuseum)

Man betrachte dieses Blog sub specie aeternitatis: in subtiler Handarbeit wurden Änderungen am Layout vorgenommen, ermöglicht durch den Einwurf kleiner Münzen (‚Wordpress Custom Design‘). Was aber wird passieren, sollten die Siedler z.B. von einem rotierenden Alien zerhackt werden?

Voll Panik unternahmen wir daher eine Zeitreise in die Zukunft unserer eigentlich für die Ewigkeit gedachten Profile auf sozialen Netzwerken.

Facebook…

hatte nach Medienberichten 2010 noch ein Problem mit den Toten ([*] Diesem Artikel wurde auch der Titel entlehnt.)

Das Problem nimmt mit der steigenden Userzahl an Fahrt auf. Denn umso mehr Nutzer die Seite hat, desto mehr Profile von Toten gibt es. Das führt wiederum zu unangenehmen Nebenerscheinungen, etwa dass Facebook bereits Verstorbene anderen noch immer als „Freunde“ vorschlägt.

Doch hier hat man aufgeholt: Heute bietet die Plattform in preußisch-korrektem Amtsdeutsch den Antrag auf Herstellung des Gedenkzustands. Facebook versucht zu verhindern,

dass auf Facebook Verweise auf ein Konto im Gedenkzustand in einer Art und Weise erscheinen, die Freunden und Familie zusetzen könnte.

Diese Reinigungsmaßnahmen betreffen wahrscheinlich auch vom Verstorbene gewollte unpassende Postings.

Tröstlich ist allerdings, dass jeder private Nachrichten an den verstorbenen Nutzer senden kann.

Google…

legt hier eher einen optimistischen, typisch Amerikanischen anpackenden ‚Can-Do-Approach‘ an den Tag: Mit dem Konto-Inaktivitätsmanager lässt sich das Digital Afterlife aktiv planen.

What happens to your account when you stop using it? Google puts you in control.
(Verwaltung des Inaktivitätsmanagers für das eigene Google-Profil.)

Twitter…

hat keine Online-Verwaltung für den eigenen Tod oder den von Anderen, sondern nutzt einen zum Logo passenden Fast-Brieftauben-Prozess: Informationen zur Legitimation der Anfrage müssen per Snail Mail oder Fax eingereicht werden.

WordPress..

bietet einen Antrag auf Blogübernahme an, Linkedn einen Antrag auf Löschung. Unsere Postings bleiben also eventuell erhalten, unsere hymnischen Empfehlungen anderer Online-Siedler nicht.

Aber was ist mit XING…

dem Deutschen Ur-Sozialem-Netzwerk? Ähnlich dem Google-Ansatz wird das Profil drei Monate nach einer vergeblichen Kontaktaufnahme mit dem Verstorbenen gelöscht.

Zusammengefasst gibt es eines nur in begrenztem Rahmen: die Kontrolle des toten Benutzers – der ja in einem Kryo-Behälter auf innovativere Zeiten hoffen könnte – über den Zustand seiner Profile.

Vielversprechend erscheinen uns daher folgende Ansätze:

PasswordBox / Legacy Locker bietet verschlüsselte Passwortablage mit der Option, einer vertrauenswürdigen Person Zugriff nach dem eigenen Tod zu geben. Die Sicherheitsfunktionen sind überzeugend – die Paranoia kann sich darauf konzentrieren was passiert wenn man das Masterpasswort vergisst.

DeadSocial lässt uns unseren Abgang auf unsere Art zelebrieren – mit vorbereiteten Botschaften (Twitter, Facebook,…) die vom Nachlassverwalter ausgelöst werden. Twittern aus dem Grab wird damit Wirklichkeit

LivesOn ist kein kommerzieller Service – es ist nach diesem Artikel

ein Experiment in künstlicher Intelligenz. LivesOn legt einen neuen Twitteraccount für Dich an – solange Du noch am Leben bist – und analysiert die Interessen, Vorlieben und Kommunikationsart des Original-Accounts. Nach einiger Zeit beginnt LivesOn Updates zu posten, nachdem es Deinen Stil erlernt hat. Basierend auf den Feedbacks anderer Benutzer steigt die Intelligenz des LivesOn-Accounts. Wenn die Zeit gekommen ist, kannst Du einen „Vollstrecker“ Deines letzten LivesOn-Willen bestimmen, der entscheiden wird ob dieser Account weiterleben können wird.

In den Augen des LivesOn-Gründers ist das nicht schräger als die lange vorherrschenden Vorstellungen von Himmel und Hölle.

Himmel oder Hölle

Himmel oder Hölle (Wikimedia)

2 Gedanken zu „„Tote bringen das Social Web an seine Grenzen“ [*]

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